Rottaler Geschichte und Geschichten

Rottaler Kulturlandschaft

Ein Bach schlängelt sich durch ein kleines Tal im Schweizer Mittelland und teilt es in einen westlichen und einen östlichen Teil. Auf beiden Seiten des Bachs die gleichen grünen Wiesen, die gleichen runden Hügel und die mit Wald bedeckten Höhenzüge. Nichts verrät, dass die kleine Rot ein Abschnitt einer der bedeutendsten Kulturgrenzen der Schweiz ist. Doch wer im Tal genauer hinschaut, hinhört oder sich sogar auf die Suche nach kulinarischen Spezialitäten macht, wird diese einmalige Binnengrenze („Brünig-Napf-Reuss-Linie“) sehr bald wahrnehmen. Eine Wanderung im „Rottal der drei Kantone“ (Grenzgebiet Luzern, Bern und Aargau) wird dadurch nicht nur ein landschaftliches sondern vor allem auch ein kulturelles Erlebnis! Nachfolgend ist aufgelistet, was es im Rottal am Schnittpunkt der westlichen und östlichen Schweiz alles zu entdecken gibt!

Viele Informationen und Tipps für wunderbare Wanderungen gibt es bei www.grenzpfad.ch

Ur-Grenzland und Aar-Gau

Dreikantone-Stein in St. Urban: Grenze Bern-Luzern-Aargau
Dreikantone-Stein in St. Urban: Grenze Bern-Luzern-Aargau

Die Rot und die Murg stellten bereits in vorgeschichtlicher Zeit eine Grenze dar, zum Beispiel wurden westlich und östlich davon verschiedene Arten Keramik gefunden. Während der Römerzeit war das Gebiet aber fast menschenleer.

Erst mit dem Vordringen der Alemannen erfolgte wieder eine dichtere Besiedlung. Zuerst wurden die Orte mit den Endungen -ingen und -ikon, später die mit der Endung -wil gegründet. Heute fällt auf der Karte die hohe Dichte an -wil-Orten auf.

Mit der Aufteilung des fränkischen Reichs im Mittelalter bekam die Rot-Murg-Grenze erneut Bedeutung. Unter anderem ist dies ein Grund dafür, dass sich im Gebiet schweizweit gesehen die meisten Überresten von Erdburgen finden lassen.

In unserer Zeit wird die Rot von den Leuten beider Seiten liebevoll als "Jordan" bezeichnet (ännet em Jordan!). Sie vereint sich unterhalb Roggwil zuerst mit der Langete und wird zur Murg, welche kurz darauf in die Aare mündet. Die Rot ist somit ein Teil des Entwässerungssystems der Aare, also des Aar-Gau.


Alemannische und burgundische Schweiz im selben Tal

Auf Bernerseite wird meist mit französischschweizerischen Jasskarten gespielt, auf der Luzerner Seite mit deutschschweizerischen.
Auf Bernerseite wird meist mit französischschweizerischen Jasskarten gespielt, auf der Luzerner Seite mit deutschschweizerischen.

Der Kt. Luzern ist alemannisch geprägt, beim Kt. Bern handelt es sich hingegen um ein Mischgebiet, in dem sich alemannische mit burgundischen Einflüssen vermischt haben. So gibt es auf beiden Seiten der Grenze deutliche Unterschiede im Dialekt, komplett andere Jasskarten, andere Viehrassen, weitgehend andere Familiennamen, Abweichungen in der Architektur, etc. (siehe dazu auch Napf-Grenzpfad-Broschüre "Die Brünig-Napf-Reuss-Linie").

Auch in der Gegenwart sind die Gebiete selten in den selben Einheiten zu finden. Zum Beispiel bildet die Rot wiederum die Grenze zwischen dem Espace Mittelland und der Zentralschweiz sowie zwischen den Rekrutierungsgebieten der Armee 21. So werden von der Topografie her gesehene "Zwillingsdörfer" wie z.B. Altbüron LU und Melchnau BE oder Roggwil BE und St. Urban LU auch in Zukunft oftmals ganz unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt sein. Dazu tragen auch unterschiedliche Medien wie Zeitungen, Regionaljournale und amtliche Publikationen bei.



Ehemaliges Kloster St. Urban

Das ehemalige Kloster St. Urban war vor seiner Auflösung 1848 dank den Verbindungen und dem Einfluss der ansässigen Zisterziensermönche ein Zentrum im Schweizer Mittelland. Es war über historische Verkehrswege mit den grossen Städten wie Basel, Luzern, Bern und Zürich verbunden. Die ehemalige Bedeutung des Klosters wird beispielsweise durch die grosszügige Architektur der Klosterkirche sowie dem berühmten Chorgestühl illustriert und lässt sich ein Stück weit nachempfinden, wenn alljährlich im Oktober Tausende die St. Urbaner Kilbi besuchen.

In St. Urban gab es aber auch besonderes Handwerk wie die Herstellung von schön verzierten Ziegelsteinen. Seit ein paar Jahren stellt Richard Bucher, der "einzige Klosterziegler der Welt", diese zierlichen Ziegel wieder her. Die Mönche förderten die Wässermatten, den Obstbau und betrieben im grossen Stil Teichwirtschaft. St. Urban war ferner ein Zentrum für volkstümliche Musik!

Heute erstrahlt das ehemalige Kloster dank einer Renovation in neuem Glanz. In seiner Umgebung werden zudem grosse Skulpturen verschiedener Künstler aus dem In- und Ausland ausgestellt.

Weitere Informationen zum ehemaligen Kloster St. Urban: www.st-urban.ch


Einmalige Kulturlandschaft Wässermatten

Über viele Jahre machten Mitglieder des Naturschutzvereins Rottal auf die Einmaligkeit der Wässermatten im Rottal aufmerksam. Der Verein leistete so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt dieser einmaligen Kulturlandschaft. Mit einer ständigen Vertretung in der Betriebskommission der Wässermatten-Stiftung trug er auch dazu bei, dass die Wässermatten heute naturnaher bewirtschaftet werden und so zahlreichen Tier- und Pflanzenarten idealen Lebensraum bieten. Im Rahmen eines Landschaftsaufwertungsprojektes, das von verschiedenen Sponsoren unterstützt wurde, konnten zudem über die letzten Jahren in den Wässermatten und entlang dem Grenzpfad Napfbergland zahlreiche Bäume gepflanzt werden. Kürzlich wurde zudem ein Pilotprojekt für ökologisch besonders wertvolle Wässermatten begonnen. Damit gibt es nicht nur in Melchnau und Altbüron, sondern auch auf St. Urbaner Boden nach über 100 Jahren wieder eine funktionierende Wässermatte.

Mehr  zur Biologie der Wässermatten hier.


Die Rückkehr der Karpfen

In der Grenzregion der Kantone Aargau, Bern, Luzern und Solothurn gab es einst Dutzende meist mehrere Hektaren grosse Karpfenteiche. Speziell gefördert wurden diese durch die ehemaligen Klöster St. Urban und Ebersecken, verschiedene Adelshäuser und Städte. Das Interesse der Klöster kam vom Umstand, dass die Zisterziensermönche kein Fleisch essen durften. Als Ersatz machten Fische und Krebse einen bedeutenden Teil der klösterlichen Kost aus. Adelshäuser hatten vor allem in der Fastenzeit einen hohen Bedarf an Fisch.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde es offenbar günstiger, Fische von Berufsfischern zu erwerben und die aufwändige Teichwirtschaft wurde nach und nach unwirtschaftlicher. Nicht zuletzt die Aufhebung der Klöster führte dazu, dass die Teichwirtschaft in der Region gänzlich aufgegeben wurde.

 

Heute führen die Leerfischung der Meere, das Streben nach Nachhaltigkeit und die Veränderungen in der Landwirtschaft zu einem ständig wachsenden Interesse an der Karpfenzucht. Bereits sind die ersten Karpfen ins Rottal zurück gekehrt und haben sich vermehrt. Neben dem ehemaligen Kloster St. Urban, der Neuproduktion von Klosterziegeln und den Wässermatten lebt die klösterliche Tradition nun auch darin wieder weiter.

 


Mischzone der Architektur

In Grossdietwil findet man bei eine Reihe von Bauernhäusern Berner Ründe und innerschweizer Vordach am gleichen Haus.

Im ganzen "Rottal der drei Kantone" finden sich (Bauern-) Häuser mit Berner Einschlag. Traditionelle Höfe mit getrenntem Wohnhaus und Scheune wie im östlichen Teil der Schweiz stellen den Ausnahmefall dar. Die Häuser im Luzerner Teil weisen auf der Stirnseite meist ein "Vordach" auf. Bei Häusern Richtung Innerschweiz sind mehrere Vordächer charakteristisch.

Hingegen ist davon beispielsweise in Melchnau BE nichts mehr zu sehen. Vielfach wird da der Platz des Vordachs von einer Laube eingenommen. Das Vordach findet sich auch bei den Klosterscheunen in St. Urban (Grangien), diese unterscheiden sich aber deutlich von den anderen Scheunen im Tal. Sie haben Torbogen aus Stein und die Wohnhäuser sind von den Scheunen getrennte Riegel- bzw. Backsteinbauten.

 

Es fliessen im Rottal also Elemente von drei Bauernhaustypen zusammen. Siehe dazu auch Napf-Grenzpfad-Broschüre "Architektur und Sehenswürdigkeiten".


Berner Rösti vis-à-vis Schnetz und Möcke

Die Rot bildet auch die Grenze für kulinarische Spezialitäten. So ist beispielsweise die Luzerner Spezialität "Zegerchrosi" bereits in Melchnau (die Gemeinde stösst an den Kanton Luzern) nicht mehr bekannt und wird in der örtlichen Käserei auch nicht hergestellt. Der Lebkuchen ist im Kanton Bern "weiss", im Kanton Luzern aber "braun". Im letzteren gibt es viele Spezialitäten mit Birnen und Äpfeln wie eben das "Zegerchrosi", aber auch "Birewegge" oder "Schnetz ond Möcke".

Ein Projekt für eine gemeinsame Spezialität aus der Zeit des Klosters St. Urban ist auf dem Weg zur Realisierung: Die ersten Karpfen schwimmen in einem Teich unterhalb Ludligen bei St. Urban, direkt an der Grenze zum Kanton Bern.


Hier Kapellen und Wegkreuze, dort nichts

Etwas was im "Rottal der drei Kantone" besonders auffällt, ist die "unsymmetrische Sakrallandschaft", das heisst das Kloster St. Urban, die grossen Kirchen, die vielen Kapellen und die sehr verbreiteten Wegkreuze im Luzernbiet auf der einen Seite der Rot und die reformierte Nüchternheit auf der anderen Seite dieses kleinen Grenzflüsschens. Hingegen verband vor der Reformation die Pfarrei Grossdietwil die meisten Dörfer des Tals zu einer einzigen Glaubensgemeinschaft.

Mit der Reformation gab es nicht nur eine Glaubensgrenze mitten durchs Tal, sondern es wurden verschiedene Sakralbauten wie z.B. die Kapelle des Pilgerortes Fribach bei Gondiswil restlos zerstört.

Es gibt auch sehr grosse Unterschiede bei der Volksfrömmigkeit, beim Aberglauben und vor allem bei den Sagen! Während Sagen im Luzerner Teil für die ältere Generation praktisch noch zum Alltag gehören (siehe Buch "Sagenhaftes Hinterland"), gibt es im Berner Teil fast keine oder sie sind viel weniger präsent (Jahrbuch des Oberaargaus 1979/77/76). Auch das Weihwasser oder die Agathafeier (Jahresversammlung der Feuerwehr), Selbstverständlichkeiten für die Luzerner, sind ein paar Kilometer weiter im Kanton Bern unbekannt.

Siehe auch Napf-Grenzpfad-Broschüre „Die Reformation“.


Krieg bis vor 150 Jahren, heute friedliches Nebeneinander

Sonderbundskrieg: Gefecht bei Geltwil
Sonderbundskrieg: Gefecht bei Geltwil

Das Rottal wurde immer wieder zur Frontlinie feindlicher Mächte (Reformationswirren, Villmerger Krieg, Sonderbundskrieg (Film "Grenzgänger")). Der letzte Krieg liegt nur etwas mehr als 150 Jahre zurück (1847)!
Siehe dazu Napf-Grenzpfad-Broschüre "Der Sonderbundskrieg von 1847".


Von den Eisenbahnträumen zur Bahn 2000

Um 1870 begannen die Zentralbahnen mit dem Bau einer zweispurigen Bahnlinie von Langenthal über Altbüron nach Wauwil. Neben einem "Probierloch" im Wald zwischen Langenthal und St. Urban zeugen auch ein ungenutzter Eisenbahndamm sowie ein Eisenbahntunnel (heute ein Wasserreservoir mit 9 Mio. Liter Wasser) in Altbüron von diesem missratenen Grossprojekt (Siehe dazu auch Napf-Grenzpfad-Broschüre "Die Eisenbahn"). Auch die Schmalspurbahn der Aare-Seeland-Mobil (ASM) verkehrt statt bis Melchnau nur noch bis St. Urban. Mehr dazu bei  www.bahntrail.ch und www.melchnauerli.ch


Weiter unten im Tal wurden die imposanten Arbeiten für die Bahn 2000 vor ein paar Jahren fertig gestellt. Neben der Zerstörung von Lebensräumen brachte sie auch Aufwertungen mit sich. Südlich vom Tal, bei Zell, verkehren zudem die Züge der BLZ (vormals Regionalverkehrs Mittelland), die Gegend ist also für Bahnfreunde ein echtes Tummelfeld und kann dank dem schwachen Verkehrsaufkommen auch mit dem Velo sehr gut erkundet werden.


Erstaunlich still und "zentral abgelegen"

Laut einer 2005 präsentierten Studie des ETH-Studios Basel gibt es in der Schweiz drei "Stille Zonen": Ost, West und Mitte. Das "Rottal der drei Kantone" liegt ganz im Norden der Stillen Zone Mitte, welche sich grossflächig um das Napfbergland erstreckt und von den Agglorationen Bern, Basel, Zürich und Luzern umgeben ist.

Und tatsächlich lässt sich diese Stille Zone fast auf jeder entsprechenden Karte oder Abbildung mühelos erkennen. Beispielsweise nimmt die Abdeckung für die mobilen Telefone hier stark ab, gibt es zunehmend weniger Filialen der Grossverteiler oder die "Lichtverschmutzung" (unbeabsichtigte Beleuchtung) lässt nach. Bereits im Rottal kann man den Sternenhimmel in der Regel viel besser erkennen als in den nahen Kleinstädten des Mittellandes. Zudem lässt es sich hier auch am Tag Ruhe finden und der Blick bleibt nicht ständig an Häusern oder Infrastrukturbauten hängen.

So bedrohlich wie der Ausdruck "Stille Zone" für die Einheimischen manchmal auch tönen mag (er tönt wohl nach wirtschaftlichem Rückzug und Entvölkerung), so unmissverständlich zeigt er auf, welches die Stärken dieser Region in der "Schweiz der zusammenwachsenden Agglomerationen" sind. Der Verein Lebendiges Rottal setzt sich dafür ein, dass diese Stärken auch als solche erkannt werden.